Am zweiten Kongresstag bildete die "Gesundheitskarte" den Schwerpunkt der Vorträge.
Unter der Überschrift "Standortbestimmung" referierte Dr. Stefan Bales, Bundesgesundheitsministerium, als Erster. Auch er erwähnte die demografische Entwicklung und den medizinischen Fortschritt. Es bestehe Bedarf an verbesserter Kommunikation, an Vernetzung und an patientenzentrierten Angeboten. All das lasse sich durch das große Infrastrukturprojekt "Gesundheitskarte" verwirklichen - alternative Lösungen, wie etwa USB-Sticks, seien zu kurz gesprungen, unter Aspekten der Sicherheit und der Verfügbarkeit von Informationen nicht geeignet, und lieferten keine vernetzte Infrastruktur.
In sieben Testregionen bereite man die schrittweise Einführung vor. Der Testverlauf sei insgesamt gut, man habe Probleme identifiziert und gelöst, die Vorgänge seien optimiert worden. Die in Schleswig-Holstein beobachteten Schwierigkeiten bei der PIN-Eingabe zeigten, dass hohe Sicherheitsanforderungen zu Konflikten mit der Handhabbarkeit führten. Das PIN-Verfahren sei jedoch aus anderen Bereichen bekannt und etabliert, und es seien Verbesserungsoptionen (etwa "eine einfache PIN", Unterstützung durch Dritte bei der PIN-Eingabe, oder die Vergabe längerfristiger Rechte) im Gespräch.
Die Entwicklung der Infrastruktur werde datenschutzrechtlich begleitet und insgesamt positiv bewertet. Daher sei Kritik an der Datensicherheit meist populistisch, mit unrealistischen Horrorszenarien untermauert. "Gesundheitskarte" und Heilberufeausweis sollten die Daten gerade sicherer machen. Der Schlüssel dazu liege beim Patienten, nicht von ihm autorisierte Zugriffe seien unzulässig und technisch nicht möglich, und die Verschlüsselung sei stark. Der nicht fundierten Kritik müsse man durch sachliche Information entgegen treten, um die Zustimmung auszubauen.
Auf den beiden letzten Ärztetagen habe man eine engagierte Auseinandersetzung erleben können. Dr. Bartmann sei zu danken, für seine klaren Positionen und für seine Bereitschaft zum konstruktiven Dialog.
Nach Hinweisen auf die Einführung der "Gesundheitskarte" in Nordrhein verwies Bales noch auf die europaweiten Anstrengungen, eine kontinentale Vernetzung zu ermöglichen. Das Projekt SOS (smart open services) unterstützte die Mobilität der Menschen durch Arbeit an der grenzüberschreitenden Interoperabilität.
Entscheidender Erfolgsfaktor sei die Akzeptanz in der Bevölkerung. Immerhin bestehe bei den Versicherten bereits große Akzeptanz.
Peter Bonerz, gematik, betonte, dass das Rollout und die Tests weiter parallel betrieben würden. Das Basisrollout beinhalte "quality gates", die zunächst passiert werden müssten, bevor der online-Rollout mit den ersten Anwendungen stattfinden könne. Unter anderem wegen der großen Zahl der Primärsysteme und Kartenterminals stelle das Projekt eine große logistische Herausforderung dar, denn der Alltagsbetrieb in Praxen und Krankenhäusern müsse dabei reibungslos weiter laufen. Der Basisrollout stelle dabei nur einen ersten Zwischenschritt dar.
Als erstes würden Kartenterminals und die angepassten Primärsysteme in Betrieb genommen. Die Gematik übernehme dabei Zulassung und Zertifizierung, Planung und Koordination. Man statte zunächst die "Leistungserbringer" in Nordrhein aus: die Kartenterminals sollten im September 2008, auf jeden Fall noch in diesem Jahr zur Verfügung stehen. Die Ausgabe der "Gesundheitskarte" erfolge voraussichtlich ab Ende 2008, und der Rollout solle bis zum 2. Quartal 2009 abgeschlossen sein. Dabei sei es wichtig, dass davon niemand etwas merke, denn der Alltagsbetrieb solle ungestört bleiben.
Bei den bisherigen Feldtests habe man bei 25.000 Aktivitäten eine Fehlerquote von 4,2% ermittelt. Bei der laufenden Evaluation stünden technische Parameter, Zufriedenheit und Akzeptanz bei den Nutzern im Vordergrund. Die Patientenbehandlung sei wichtiger als die Administration, und bei der diesbezüglichen Ist-Analyse habe man gute Rückmeldungen bekommen.
Für Sicherheit werde man jedenfalls bezahlen müssen - mit Geld, und mit Zeit. Die Interessen der Patienten stünden dabei im Fokus. Weichert und Bartmann hätten attestiert, dass das Rollout "fast vorbildlich" und mit größtmöglicher Perfektion erfolgen werde.
Dr. Franz-Joseph Bartmann, Bundesärztekammer, reicherte seinen Vortrag mit großer Emotionalität an. In der Ärzteschaft gebe es ein großes Spektrum an Meinungen, wobei er sagen müsse, dass man die Totalverweigerer rational überhaupt nicht erreiche. Deren Positionen seien bürgerrechtlich, emotional und einseitig.
Bei einer Veranstaltung des Marburger Bundes beispielsweise sei ihm eine kritische, aber positive Haltung aufgefallen. Bei den Krankenhausärzten entfalle der Punkt des kategorischen Nein-Sagens vielleicht auch deshalb, weil es keine Bestrebungen gebe, der Politik etwas heimzuzahlen.
Der letzte Ärztetag hingegen sei zu einem "Happening der Gegner" geraten, teilweise mit "Sportpalastatmosphäre". Man habe zwei Lesungen der Anträge gebraucht, und in die widersprüchlichen Beschlüsse des Ärztetages seien dennoch virulente Inhalte eingeflossen, die er mit Computerviren vergleiche. Schließlich habe man doch noch einen präsentablen Forderungskatalog vorlegen können.
Viele der vorgebrachten Befürchtungen seien zwar angehört worden, seien aber letztlich nicht gerechtfertigt.
Die Freiwilligkeit der Online-Anbindung sei eine unverzichtbare Forderung. Zwang würde fatal sein und zu irrationalen Handlungen der Ärzteschaft führen. Es müsse ein individueller Nutzen erkennbar sein. Darauf müsse man setzen, und den Technologieeinsatz zum Qualitätsmerkmal machen.
Die "Gesundheitskarte" sei ein Verschlüsselungsinstrument par excellence, deren Schlüssel von niemandem (auch nicht vom Staat) zu knacken seien. Damit sei die Datensicherheit garantiert. Patientenakten auf Internetplattformen hingegen sollten verboten werden.
Ulf Göres, BKK Bundesverband, betonte die unaufhaltsame Digitalisierung der Gesellschaft. Eigentlich stelle sich nur noch die Frage des "Wie". Vernetzung, Verbesserung der Kommunikation, Bürokratieabbau, Transparenz und Kostensenkung waren einige Stichworte, die er dazu heranzog.
Die Akzeptanz beruhe auf Freiwilligkeit, durch Rechtsverbindlichkeit und Handhabbarkeit unterstützt. Die Nutzerakzeptanz auf der Seite der Versicherten sei bislang lediglich medial vermittelt worden, da Alltagserfahrungen noch fehlten. Bei mehreren Studien zur Akzeptanz sei aufgefallen, dass die Versicherten zwar eine hohe Zustimmung zur "Gesundheitskarte" äußerten, dass sie gleichzeitig aber angegeben hätten, noch hohen Informationsbedarf zu haben. Schließlich sei eine hohe Bereitschaft, persönliche Daten unter Sicherheitsbedingungen freizugeben, festgestellt worden. Man müsse nun durch proaktive Kommunikation, ein entsprechendes Kommunikationskonzept, und durch die Implementierung von Mehrwertdiensten, die Akzeptanz weiter fördern. Dabei dürfe es keine Abstriche vom Wahrheitsprinzip geben, auch nicht im Interesse der Verständlichkeit.
Akzeptanz bei den Versicherten werde man letztlich nur durch Mehrwertdienste erreichen können, etwa durch eine patientengeführte, elektronische Gesundheitsakte, parallel zu einer arztgeführten, elektronischen Patientenakte. Datenkioske könnten den Versicherten helfen, ihre Daten vertraulich einzusehen und zu bearbeiten.
Durch zielgruppenorientierte Kommunikation könne man die Akzeptanz weiter steigern.
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