Gegenwärtig haben wir es mit einem Kulturverlust zu tun und es ist eine Frage der Ehre, eine Antwort auf diesen Kulturverlust zu suchen.
Momentan beobachten wir Bestrebungen, die ärztliche Arbeit zu diskreditieren und zu "deprofessionalisieren". Das Arzt-Patienten-Verhältnis soll zugunsten eines Verwalter-Versicherten-Verhältnisses deformiert werden.
In den Sozialpsychiatrischen Nachrichten erschien kürzlich ein Artikel unter dem Namen "Beseelung und Verwaltung". Detlef Petry, der seit 30 Jahren als Psychiater in den Niederlanden arbeitet, beschreibt darin die in den Niederlanden stattfindende, allmähliche Überformung und Deformierung therapeutischer Prozesse durch Marketing und Verwaltung. Inzwischen sei auch die Psychiatrie in einer kapitalistischen Marktwirtschaft gelandet, mit sprunghaft steigendem Verwaltungsanteil in den Organisationen.
Das eigentliche Ziel der Arbeit, die Ehre psychisch Kranker als gleichwertige Menschen und Bürger wiederherzustellen, gerate dadurch in Gefahr, und auch die Berufsehre der in den Institutionen arbeitenden Menschen werde in Mitleidenschaft gezogen.
Mit enormem bürokratischem Aufwand werde eine Form von „Staatstherapie“ definiert und elektronisch festgelegt. Der „Großrechner“ habe inzwischen alles im Griff, während zwischenmenschlicher Kontakt und Dialog als eigentlicher Kern psychiatrischer Arbeit vernachlässigt werde. Universelle Behandlungsprotokolle würden als Lösung für die Probleme psychisch kranker Menschen angesehen. Damit werde der sehr persönliche Gesichtspunkt des Erlebens und Erfahrens der Patienten negiert, Mitarbeiter würden zu Technokraten und Ausführenden uniformierter, inhaltlich steuernder Kontroll- und Verwaltungsinstrumente. Durch die Zusammenarbeit zwischen dem Staat, der Computerbranche und den Versicherungen sei ein Machtdreieck entstanden, in dem Geld verteilt werde:
Aus dem Blickwinkel der Versicherung gesehen sind die Patienten in erster Linie eigentlich keine Patienten mehr, sondern Versicherte. Die Devise lautet: „Die Sorge um Patienten kostet uns Geld und die Kosten müssen niedrig bleiben.“ Es ist traurig, aber wahr: Ihr Leitmotiv ist „Sorge muss Schadensbegrenzung sein“.
Kernstück der Verwaltung sei das „Elektronische-Patienten-Dossier. Es biete die Möglichkeit, unendlich viele Informationen über die Patienten zu speichern – allerdings in technokratischer Sprache. Zudem bestehe die große Gefahr, dass sehr persönliche Daten im Sinne des Datenschutzes nicht ausreichend geschützt seien. Durch die Aktivitäten am Computer gingen außerdem täglich kostbare Stunden am Patienten verloren:
Früher saß ich nicht am Computer, sondern am Frühstückstisch der Patienten! Damals hatte ich noch Zeit, mit ihnen Ausflüge zu machen. Diese Zeiten sind seit der Einführung von Normzeiten und elektronischer Akte vorbei. Eine Entmenschlichung mit unabsehbaren Folgen für das Vertrauen zwischen dem Helfer und dem Patienten.
Ein weiteres Kernstück der elektronischen Akte sei die „Diagnose-Behandlungs-Kombination“. Aus einer „Produktbeschreibung“ (Diagnose) werde der Behandlungsprozess abgeleitet, die Kosten würden dann auf der Grundlage der Behandlungsaktivitäten berechnet: das Geld steuere jetzt den Prozess.
Nach vielen Jahren der Arbeit mit unseren Patienten haben wir gerade die Entstigmatisierung von dem Stempel einer Diagnose erreicht. Und jetzt müssen wir mit einer Diagnose aus dem DSM IV-Katalog stigmatisieren: Ich persönlich empfinde dies als „Verrat“ an meinen Patienten. Meiner Meinung nach ist der DSM-Katalog eine institutionalisierte Form von Patientenhass.
Das implementierte „Qualitätsmanagement“ kontrolliere dabei nur die sekundären Verwaltungsprozesse. Die Qualität des primären Prozesses, der zwischenmenschlichen Beziehung zwischen Patienten und Helfern, werde überhaupt nicht erfasst, geschweige denn untersucht oder gemessen. Der in langjähriger Arbeit entstandene Respekt für Professionalität und für menschliche Qualitäten werde dadurch untergraben. Inzwischen liefen immer mehr professionelle Helfer mit tiefgehenden Frustationen und einer enormen Wut im Bauch in der Psychiatrie herum, weil ihnen ihre Berufung und ihre Berufsehre weggenommen worden seien.
In erster Linie ist der beschriebene Prozess ein fremdbestimmender Angriff auf die „Beseelung“ der Helfer. Eine durch jahrelange Erfahrung gewachsene Praxis der Helfer wird von diesem Rationalisierungsprozess überwölbt und gleichzeitig untergraben. Die Helfer fühlen sich nicht mehr ernst genommen und sie werden in ihrer Berufsehre angegriffen. Die Folge ist eine allgemeine Verfremdung. Man erlebt sich nicht mehr als Teil seiner eigenen Organisation, die das gemeinschaftliche Ziel einer guten Versorgung der Patienten verfolgen sollte. Es entsteht Misstrauen und Abwehr und man fühlt sich an seinem Arbeitsplatz nicht mehr sicher.
Als Helfer wird man hauptsächlich nach der erbrachten Produktion und nicht mehr nach der inhaltlichen Qualität der Versorgungspraxis beurteilt. Auch die professionellen Helfer, die eine jahrelange Lebenspraxis in ihren Berufen und breite menschliche Erfahrungen aufweisen, sind bis ins Herz getroffen. Sie, für die ihr Beruf bisher vor allem mit sehr persönlichen Beziehungen und individuellen Menschen zu tun hatte, werden durch Vermarktlichung und Machtprozess auf gehorsame „Prozessoren“ reduziert, die abstrakte Richtlinien und Modelle ausführen müssen, um mit mehr Effizienz für mehr "Output" zu sorgen.
Auch der Sprachgebrauch habe sich verändert. Durch den beschriebenen technokratischen Prozess, der über die Köpfe der Patienten hinweggerollt sei, ohne dass sie daran überhaupt beteiligt worden seien, schleiche sich eine Fremdsprache in den Alltag ein. Lebensprobleme eines Patienten würden durch seine erneute Stigmatisierung fremdbestimmt. Der Schwächste dürfe eigentlich nicht länger einfach ein Patient sein, der unsere Liebe und Zuneigung verdient, nein: auch er sei ein potienzieller Faktor in der allgemeinen Marktwirtschaft geworden!
In früheren Jahren seien Patienten Opfer einer kustodialen Psychiatrie gewesen. Jetzt drohten sie Opfer einer technokratischen Marktideologie in der Psychiatrie zu werden, innerhalb derer sie keinerlei eigene Rolle spielen könnten.
Von einer wirklichen Mitsprache der Patienten kann, wie schon gesagt, in diesem sie überrollenden Prozess, keine Rede mehr sein. Sie sind diesem Konkurrenzkampf nicht gewachsen, sie können nicht „mitdingen“ und sie können nicht produzieren. Sie sind selbst zu einem „Produkt“ geworden!
Was sie in diesen Zeiten wirklich benötigen ist unsere Solidarität, unsere Zuneigung, unsere Nähe und unsere Liebe.
Es wäre angebracht gewesen, bei der Ausführung von Gesetzen darauf zu achten, wem sie dienen sollen. Das hätte mehr Bescheidenheit und vor allem Mitgefühl mit den Schwächsten der Gesellschaft erfordert.
Detlef Petry (Niederlande): Beseelung und Verwaltung: Sozialpsychiatrische Informationen 3/2007
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